Warum gerade jetzt

Zement ist für rund 8 Prozent der globalen CO₂-Emissionen verantwortlich. Lehm braucht keine Brennenergie — er wird abgebaut, aufbereitet und verarbeitet. In Deutschland gibt es seit 2024 eine technische Baubestimmung (DIN 18948), die Lehm als tragenden Baustoff in Mehrfamilienhäusern bis vier Vollgeschossen ausdrücklich erlaubt. Diese Norm war jahrzehntelang das fehlende Glied: Ohne sie konnten Lehmbauten faktisch nicht mit Bankenkrediten finanziert werden.

ZRS Architekten, Berlin

Das Büro, gegründet 1996, hat in den letzten 18 Monaten drei Wohngebäude in Brandenburg und Sachsen-Anhalt fertiggestellt, deren tragende Wände aus Stampflehm bestehen — einer Mischung aus regionalem Lehm, Kies und Stroh, die schichtweise in eine Schalung gestampft wird. Die größte dieser Anlagen, ein 24-Wohnungen-Bauvorhaben in Ludwigsfelde, wurde im Februar an die Bewohner übergeben. Die Kostenrechnung des Büros: Die Mehrkosten gegenüber konventioneller Bauweise lagen bei rund 7 Prozent, die Betriebskosten dürften aufgrund der hohen Wärmespeicherfähigkeit 14 bis 18 Prozent unter dem Vergleichswert liegen.

Anna Heringer Architektur, Laufen

Anna Heringer ist international bekannt für ihre Lehmbau-Projekte in Bangladesch und China. In Deutschland hat sie zuletzt ein Schulgebäude im Ostallgäu fertiggestellt, das vollständig aus regionalen Materialien — Lehm, Holz, Stroh — errichtet wurde. Bauherr ist die Gemeinde, die das Projekt explizit als Lernort konzipiert hat: Schüler haben in einem mehrwöchigen Workshop selbst Lehmziegel hergestellt und in nicht-tragende Innenwände eingebaut. Das Schulgebäude hat 2025 den Deutschen Nachhaltigkeitspreis Architektur erhalten.

Werk A Architektur, München

Das jüngste der drei Büros, gegründet 2019, arbeitet mit Mischtechniken: Lehmziegel kombiniert mit einer dünnen Stahlbetondecke, die die statischen Anforderungen für mehrgeschossiges Wohnen erfüllt. Das Pilotprojekt, ein achtgeschossiges Mehrfamilienhaus in der Maxvorstadt, ist seit Februar im Bau. Die Bauherrin, eine genossenschaftliche Wohnbaugesellschaft, hat sich für Lehm nicht aus ideologischen, sondern aus Mietpreisgründen entschieden: Lehm-Innenwände regulieren die Raumfeuchte so weit, dass auf eine kontrollierte Wohnraumlüftung verzichtet werden kann — ein Einsparpotenzial von rund 7.500 Euro pro Wohneinheit.

Die offenen Fragen

Lehm ist nicht ohne Probleme. Verarbeitung dauert länger; eine Stampflehmwand braucht mehrere Wochen Trockenzeit. Witterungsempfindlichkeit während der Bauphase erhöht das Risiko bei Regenperioden. Und Handwerksbetriebe, die Lehmverarbeitung beherrschen, sind in Deutschland rar — das Berufsbild „Lehmbauer“ existiert formell erst seit der Anerkennung als Weiterbildung 2023. Eine Skalierung auf den Massenwohnbau wird nicht in den nächsten fünf Jahren passieren.

Was 2026 anders ist

Drei Faktoren kommen zusammen: Die DIN-Norm 18948 schafft Rechtssicherheit. Die CO₂-Bepreisung im Bausektor (CO₂-Abgabe auf Zement) erhöht die Vergleichskosten. Und mehrere Bundesländer — allen voran Baden-Württemberg und Sachsen — bieten direkte Förderprogramme für mineralische Naturbaustoffe an. Wenn 2030 in Deutschland 0,5 Prozent aller Neubauten in Lehmbauweise entstünden, wäre das immer noch ein Nischenmarkt — aber einer mit messbarer Klimawirkung.